DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE



Das Heilige Jahr
Friedrich Rittelmeyer


Geheimnisvolle Besuche von „Eingeweihten", von weisheitsvollen, göttlich erleuchteten Menschen sind in älteren Zeiten nichts Seltenes gewesen. Man denke an das, was in der Lebensgeschichte Taulers oder Jakob Böhmes erzählt wird. Das glatte, sichere Nein, das die heutige Wissenschaft für solche Erzählungen hat, kann man von einem eindringenderen Erkunden und Erleben aus nur belächeln. Die Möglichkeit besteht auch, dass hier, vielleicht auf Grund wirklicher Geschehnisse, ein Schau-Erlebnis erzählt wird, ein bedeutsames inneres Bild, indem die Weltbedeutung des neugeborenen Kindes geistig wahr erlebt wurde. Könige heißen in der Mysteriensprache die Eingeweihten, die für die äußere Welt Kronen nicht zu tragen brauchen. Die Weisen aus dem Morgenland mit ihren drei sinnbildlichen Gaben aber vertreten die drei wichtigsten Kulturen, die der Christuszeit vorangegangen sind. Gold meint Weisheit, wie sie vor allem gesucht wurde in der urpersischen Kultur, die die großen Gegensätze im Weltendasein zu durchschauen suchte und ihren göttlich erleuchteten Führer Zarathustra Goldstern nannte. Weihrauch bildet das andachtsvolle Fühlen nach, wie es in einer für uns heute kaum fassbaren Hochentwicklung in der indischen Kultur lebte und wie es uns heute noch an hoch stehenden Indern entgegentreten kann. Die Myrrhe aber wurde im Altertum wegen ihrer Heilkraft geschätzt, und so vertritt sie billig die ägyptische Kultur, in der vor allem eine Erziehung des menschlichen Willens in den Mysterienstätten, in der ärztlichen Kunst gesucht wurde. Wenn einmal das reinste Denken, das innigste Fühlen, das stärkste Wollen dem Christus dargebracht sein wird, dann ist erfüllt, was die „Anbetung der heiligen drei Könige" prophetisch vorverkündigt. Und überall, wo eins dieser drei Geschenke, die der Mensch allein geben kann, Christus dargebracht wird, da ist einer der drei Könige da - mehr als dort, wo ihre Körper mit gläubigem Grausen verehrt werden.
Wenn in der Menschenweihehandlung betend gesagt wird, dass unser reines Denken, unser liebendes Herz, unser wollendes Hingeben das Opfer bringen möchte, da wird immer diese ferne Zeit vorbereitet, da sind immer die heiligen drei Könige da und bringen ihre Gaben dar!
Wir denken zurück an die Weihenacht.
„Offenbarung Gottes aus den Höhen und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind" - so ist es in unsere Seelen hineingeklungen in den Weihnachtstagen. Und nun kommen die Weisen aus dem Morgenland herbei und bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das ist ein Zusammenklang zwischen Himmel und Erde, wie er großartiger niemals gewesen ist.
Die Himmel tun sich auf und strahlen ihr Höchstes herab. Und die Erde tut sich auf und bringt ihr Bestes dar. Im Menschen vollzieht sich der Zusammenklang. Die „Offenbarung aus den Höhen" will eingehen in ihn, und wo sie aufgenommen wird, da verwandelt sich sein Denken in lauteres Gold. Die „Klarheit des Herrn" leuchtet in ihm. Und „der Friede auf Erden" strahlt den Himmelsschein zurück, und alles Fühlen im Menschenherzen verwandelt sich in Andacht, in hingebende Verehrung, in das, was der Weihrauch durch alle Jahrtausende hat sagen wollen. Der „gute Wille" aber wacht auf, und alles Wollen des Menschen strömt heilende Kraft aus, wie es die Myrrhe ihm vorsagt, vortut.
Im Menschen finden sich Himmel und Erde. Die Himmelshöhen rufen und die Erdentiefen antworten. Der Mensch ist das Zwiegespräch zwischen Himmel und Erde. Höher kann ihm dies nicht gesagt werden als in, dem Zusammenklang dieser beiden Geschichten.
Was darin beschlossen ist, mag die Bild-Erzählung sagen, in der einmal unser größter deutscher Dichter geheimnisgewaltig sein Bestes hat aussprechen wollen.
In einem Tempel erwacht ein Jüngling zu neuem Leben. Drei Könige sprechen zu ihm. Der goldene König mahnt ihn: Erkenne das Höchste! Der silberne König spricht: Weide die Schafe! Der eherne König fügt hinzu: Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!
Wollen wir nicht auch auf der Erde wie in einem Tempel erwachen? Nicht nur: Erkenne dich selbst! wie einst im griechischen Tempel, ruft uns Goethe zu, sondern: Erkenne das Höchste! Ist es nicht ein Jammer, wie wir immer unten herumdenken auf der Erde? Wir ahnen nicht, was wir an einem einzigen Tag, was wir an jedem einzelnen Tag von göttlichen Geheimnissen erkennen könnten, wenn wir nur unverblendet immer auf „das Höchste" schauen wollten! Was würde ein höherer Geist alles schauen, wenn er an unserer Stelle, aber mit seinen Augen durch das Leben ginge! „Das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen", sagt Christus im hohe priesterlichen Gebet. Ewiges Leben in Fülle würde jeder Tag bringen, wenn wir die Mahnung des goldenen Königs befolgten: Erkenne das Höchste!
Und der silberne König tut seinen Mund auf: Weide die Schafe! Wir wissen, woher diese Worte stammen, wie in ihnen das Johannesevangelium sich vollendet. Ich habe einmal einen bedeutenden Mann gefragt, woran man sicher erkennen könne, ob es wirklich Christus sei, den man in der Seele spüre. Die Antwort, die ich erhielt, hat sich tief eingeprägt. Christus ist die reinste Selbstlosigkeit. Daran allein erkennt man ihn. „Daran wird jedermann erkennen, ob ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt." Was erkennt man, was erkennen unsere nächsten Anverwandten, Anvertrauten an unseren Taten von „reinster Selbstlosigkeit"? „Weide die Schafe!" Auch dies Wort aus dem Tempel können wir überleuchten durch ein Wort Christi selbst aus dem hohepriesterlichen Gebet: „Dein sind sie, und du hast sie mir gegeben, und ich habe ihnen deinen Namen geoffenbart!"
Nun tritt der dritte König, der König des Willens, hinzu. "Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!" Tapfer und frei an jedes Werk, das sich uns befiehlt! Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott durch ihn eine große Tat tun will, hat Luther gesagt. Immer den Glauben in sich hegen, dass wir zu großen Taten gerufen sind! Wenn es je eine Zeit gab, die kampfscheue Naturen nicht brauchen konnte, dann ist es die unsere. Gekämpft muss werden vor allem für Christus. Nicht Flötenspieler braucht er heute, sondern Schwerthelden. Bis in jedes Gespräch hinein sollten wir darauf gefasst sein, dass wir für ihn zu kämpfen haben, oft gerade dann, wenn wir es ganz gewiss nicht erwartet hatten. Aber doch das Schwert in der Scheide und die Rechte frei zu schaffender Arbeit! Und wieder können wir das Wort des Tempelkönigs überstrahlen mit einem Christuswort aus dem hohepriesterlichen Gebet: „Ich habe dich verklärt und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich es tun soll!"
So erhalten wir die Weihe für all unser äußeres Leben: Stark und frei! Eine Weihe für unser Leben mit den Menschen: Selbstlos schenkend! Und eine Weihe für unser Leben in uns selbst: Wachsam Gott schauend! Wer diese Weihe empfängt, der erwacht im Tempel. In ihm ist alles verwandelt in Gold, Weihrauch und Myrrhe, dadurch, dass er voll aufgenommen hat das Himmelsklingen: „Offenbarung Gottes aus den Höhen und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind!"









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